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"Ein Venezianer im rosa Palazzo" - Im Gespräch mit dem Tagesspiegel erzählt Botschafter Armando Varricchio wie er von seiner neuen Aufgabe in Berlin erfahren hat und von dem Gefühl nach seiner fünfjährigen Amtszeit als Botschafter in Washington wieder nach Europa zu kommen

Data:

06/08/2021


"Ein Venezianer im rosa Palazzo"

Armando Varricchio war Berater mehrerer Ministerpräsidenten und erlebte zwei aufregende Wahlen als Botschafter in den USA. Er liebt das Kino.

Elisabeth Binder, Tagesspiegel

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Zwei Thriller-Wahlen hat Armando Varricchio während seiner fünfjährigen Amtszeit als Botschafter in Washington erlebt: 2016, als Donald Trump ins Amt kam und 2020, als Joe Biden dessen Nachfolger wurde. Im Juni hat er die Villa Firenze, den Amtssitz in Amerika, gegen den rosa Palazzo in Tiergarten getauscht.

Formvollendet empfängt der neue italienische Botschafter in seinem Berliner Amtszimmer, führt dann aber ins Kaminzimmer der Residenz, wo es gemütlicher ist und Butler Igor, der der Familie schon seit der Zeit als Botschafter in Serbien treu ist, Espresso und Dolci serviert.

Auf Beistelltischchen und Simsen sieht man den Hausherrn mit den Päpsten Benedikt und Franziskus, mit den US-Präsidenten Barack Obama, Donald Trump und Joe Biden. Und natürlich mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Ganz im Hintergrund steht das Foto einer Szene mit dem früheren US-Präsidenten George Bush. Der fragte den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano nach einem Gespräch, was man denn jetzt der Presse sagen solle. Dieser gab die Frage an seinen diplomatischen Berater Armando Varricchio weiter, der seine Ideen spontan vortrug. Woraufhin Bush sich gleich Notizen machte.

Die italienische Kunst, Anekdoten zu erzählen, ist unvergleichlich. Leichthin erzählt der Botschafter von diesem Erlebnis, das schon 14 Jahre zurückliegt.

Vorfreude auf die nächste Berlinale

Sein allererster Auftritt in Berlin gäbe auch Stoff für eine Anekdote. Da war Armando Varricchio gerade angekommen aus Washington, der Jet Lag konnte noch nicht wirklich ausgestanden sein, als er bereits als Gastgeber eines Empfangs für die Sommer-Berlinale auftrat. Tickets für den italienischen Beitrag „Per Lucio“ am folgenden Tag lagen schon bereit.

Ein dynamischer Botschafter, dieser erste Eindruck bleibt haften – und ein glühender Cineast. Er ist stolz darauf, dass Italien Partner bei der nächsten Berlinale im Februar sein wird und plant schon ein umfassendes Rahmenprogramm.

Er mag Sergio Leone

Die Filmindustrie ist bedeutend in seiner Heimat. Der gebürtige Venezianer organisiert jedes Jahr im September während der Filmfestspiele in Venedig ein Familientreffen. Seine Söhne, 26 und 31 Jahre alt, leben beide in London. „Das Kino ist Magie“, sagt der 60-Jährige. „Es handelt davon, worum es im Leben geht. Es bringt die Menschen zum Träumen.“

Er erzählt dann, wie der Filmstudio-Komplex „Cinecittà“ in Rom wieder viel mehr Bedeutung gewonnen hat, in wie vielen Filmen Italien eine Rolle spielt. Seine Lieblingsregisseure? Er überlegt eine Weile, bevor er zu Sergio Leone kommt. Visconti natürlich, Rossellini. Und dann: „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Experte für Sicherheitsfragen

Armando Varricchio ist ein erfahrener Transatlantiker mit vielen Netzwerken. Es muss eine wichtige Zeit in den deutsch-italienischen Beziehungen sein, wenn ein Diplomat nach Berlin geschickt wird, der Berater der italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta, Matteo Renzi und des Staatspräsidenten Giorgio Napolitano war, außerdem Chefunterhändler bei den G7-, G8- und G20-Gipfeln.

In diesen Funktionen betreute er komplizierte Themen, besonders Sicherheitsfragen. Die Auflösung des Warschauer Paktes und der Sowjetunion erlebte er als junger Diplomat in Budapest.

Beim Impfen kam die Berufung

Vermutlich wird am Abend der Bundestagswahl im September auch die Regierung von Mario Draghi in Rom die Notizblöcke zücken, wenn der Botschafter seine Analysen durchgibt. Empfänge gibt es im Moment zwar nicht, um die Lage zu sondieren, aber Armando Varricchio lädt gern zu Mittagessen in die Botschaft und trifft sich zum Austausch zu zweit mit politischen Größen. Namen nennt er natürlich nicht, die Frage danach beantwortet er mit einem vielsagenden Lächeln.

Lieber noch eine Anekdote. Als im März der Anruf einging, in dem er von seinem neuen Posten in Berlin erfuhr, kam er gerade mit seiner Frau vom Impfen. Er blickte zur Seite und sah das tiefe Lächeln in ihrem Gesicht. „Wieder in Europa zu sein, war für uns, wie nach Hause zu kommen“, sagt er.

Stolz auf junge Meister

Seine Frau Micaela Barbagallo hat er während des Studiums der Internationalen Beziehungen in Padua kennengelernt. Sie ist eine große Kunstkennerin und will sich dieses Themas intensiv annehmen. Der Botschafter zeigt, während er die Kunstschätze in der Botschaft erläutert, nicht nur Stolz auf die alten Meister, die Klassiker. „Wir schauen immer auch nach vorn, sind sehr an Innovationen interessiert“, sagt er. Dass in Berlin so viele junge italienische Künstler leben, hat die Vorfreude auf den neuen Einsatzort auch bei seiner Frau wohl noch zusätzlich gesteigert. Da lassen sich schließlich auch diplomatische Funken draus schlagen.

Bedürfen die Beziehungen zwischen Rom und Berlin wirklich der Stärkung? Offenbar ja, es geht schließlich um das Europa nach dem Brexit, das sich auf die gemeinsamen Werte, Aufgaben und Herausforderungen besinnen muss: „Beziehungen für selbstverständlich zu halten, reicht in einer Zeit des Wandels nicht mehr.“ Die nächste Generation der Europäer stehe schon in den Startlöchern, Reformen nach der Pandemie werden manches verändern.

„Deutschland ist unser strategischer Partner“, sagt Varricchio. „Das wollen wir gerade jetzt deutlich machen.“ Es gebe so viele Gemeinsamkeiten, die Kultur, den Tourismus, die Industrie. „Europäische Politik kann nicht von der Geografie diktiert werden.“ Vieles dreht sich seiner Meinung nach um Migration, Sicherheit und die Fähigkeit, offen zu sein für verschiedene Religionen und Kulturen. Im Zusammenhang mit dem Klimawandel spricht er lieber von „ökologischer Transformation“, darüber, dass die Erde respektiert werden müsse, was eine Herausforderung für alle Demokratien sei. Gleichzeitig gebe es „einen Konkurrenzkampf mit Ländern, die unsere Werte nicht teilen".

Erfreuliche Exportartikel

Als Bürger des ersten demokratischen Landes, das von der Pandemie getroffen wurde, ist er stolz darauf, wie gut mit der vorübergehenden Einschränkung der Freiheitsrechte umgegangen wurde, wie sehr sich das europäische Gesundheitssystem bewährt hat. Er beschwört die Bilder: Mailand, Bergamo, die Ärzte, das Pflegepersonal, die Italiener, die plötzlich zu Hause bleiben mussten. „Diese Zeit hat gezeigt, wie stark die Demokratie eigentlich ist.“

Die Frage, was Italien ausmacht, kommt im Zuge der erfreulichsten Exportartikel auf: erlesene Kleidung, feines Essen, gute Weine. Darin spiegelt sich nach der Überzeugung von Armando Varricchio der Kern der italienischen Lebensart wieder. „Wir sind nicht aggressiv, wir gehen auf andere zu.“

Venedig, die einstige Weltmetropole, war immer ein Schmelztiegel mit den unterschiedlichsten Geschmäckern, Farben, Sprachen – ein Ort, an dem die Welt zusammenkam. Die große Herausforderung der Gegenwart, der Klimawandel, ist dort allgegenwärtig, die Pegel steigen. In früheren Jahrhunderten hatte die Stadt eine Ausstrahlung ähnlich der von New York, war ein Ort der Sehnsucht.

Er bekennt sich als „großer Opernliebhaber“

Ein bisschen strahlt Armando Varricchio das auch selbst aus, als trüge er dieses uralte Erbe in sich. Hat man eine Weile mit ihm gesprochen, möchte man, auch wenn seine Heimatstadt nur mit wenigen Sätzen gestreift wurde, am liebsten sofort losfliegen. Er selbst freut sich hingegen auf die Berliner Museen, auf die Eröffnung der Musiksaison im September, bekennt sich als „großer Opernliebhaber“.

Erstmal geht es in den Urlaub. Den verbringt Armando Varricchio in den Dolomiten, freut sich schon darauf, nach den langen Wanderungen in Hütten zu übernachten. Sport ist ihm wichtig, er spielt Tennis, fährt Ski. Und früher hat er auch gerne Fußball gespielt. Zu seinen ersten eindrücklichen Berliner Momenten gehörte die begeisterte Unterstützung vieler Deutscher fürs italienische Team im Endspiel der Europameisterschaft. Varricchio glaubt aber nicht, dass das was mit Politik zu tun gehabt hat. Europa hat schließlich auch emotionale Seiten.


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