﻿{"id":24196,"date":"2026-10-27T15:39:44","date_gmt":"2026-10-27T14:39:44","guid":{"rendered":"https:\/\/ambberlino.esteri.it\/?p=24196"},"modified":"2026-10-27T15:39:44","modified_gmt":"2026-10-27T14:39:44","slug":"ist-deutschlands-zukunft-bereits-vorbei-ueberhaupt-nicht-artikel-des-botschafters-fabrizio-bucci-welt-online-26-10-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ambberlino.esteri.it\/de\/news\/dall_ambasciata\/2026\/10\/ist-deutschlands-zukunft-bereits-vorbei-ueberhaupt-nicht-artikel-des-botschafters-fabrizio-bucci-welt-online-26-10-2026\/","title":{"rendered":"&#8222;Ist Deutschlands Zukunft bereits vorbei? \u00dcberhaupt nicht&#8220;, Artikel des Botschafters Fabrizio Bucci, Welt online, 26.10.2026"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ist Deutschlands Zukunft bereits vorbei? \u00dcberhaupt nicht&#8220;, Welt online, 26.10.2026<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ist Italien an Deutschland vorbeigezogen? Das legt ein Beitrag aus der WELT AM SONNTAG nahe. Hier antwortet der italienische Botschafter Fabrizio Bucci \u2013 mit einer Gegenrede.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Seit zwei Jahren lebe ich nun in Berlin, das ich liebe und als mein Zuhause betrachte, und ich kenne die Probleme Deutschlands gut. Ich m\u00f6chte sie auch nicht leugnen. Doch frage ich mich, ob Dirk in seinem Versuch, den Mythos der deutschen Effizienz zu entkr\u00e4ften, nicht letztendlich einen spiegelbildlichen Mythos schafft, n\u00e4mlich den eines Italiens, das auf wundersame Weise gerade dank seiner Desorganisation gedeiht (auch dies ist ein etwas veraltetes Klischee).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Italien hat zwar &#8211; wie \u00fcbrigens auch viele andere Teile Europas &#8211; zahlreiche Probleme: eine hohe Staatsverschuldung, B\u00fcrokratie, geringe Produktivit\u00e4t, regionale Ungleichheiten. Aber ist das wirklich schon alles?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Land ist weltweit bekannt f\u00fcr seine drei \u201eF\u201c: <em>Fashion, Furniture, Food<\/em>. Das wei\u00df jeder. Doch vielleicht wissen nur wenige, dass Italien auch die zweitgr\u00f6\u00dfte Industrienation Europas und einer der weltweit gr\u00f6\u00dften Exporteure ist (wir liegen auf Platz vier, Deutschland auf Platz drei). Das Land ist ein Vorreiter in den Bereichen Mechatronik und fortschrittliche Technologien. Italien ist das f\u00fchrende G7-Land bei der Stahlproduktion mit erneuerbaren Energien. Es ist das f\u00fchrende EU-Land auf dem Gebiet der Abfallwirtschaft und der Kreislaufwirtschaft. Wir geh\u00f6ren weltweit zu den Spitzenreitern in der Nanotechnologie. Wir sind weltweit f\u00fchrend auf dem Gebiet des Supercomputings in Verbindung mit Quantensystemen (der Supercomputer \u201eLeonardo\u201c in Bologna bringt mein Land auf das Siegertreppchen der globalen Rechenleistung). Bei den Halbleitern liefert Italien nicht nur Spitzenleistung, sondern rangiert zusammen mit Deutschland und Frankreich dauerhaft unter den drei gr\u00f6\u00dften Produktionsl\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union. Italien ist eine globale Supermacht im Pharmasektor und geh\u00f6rt fest zu den Top 10 der weltweiten Pharmahersteller. 2025 beliefen sich unsere Arzneimittelexporte auf \u00fcber 69 Milliarden Euro.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Italien ist eine der weltweit f\u00fchrenden M\u00e4chte in der Luft- und Raumfahrt und blickt auf eine Industriekette, die von der Planung und Herstellung von Flugzeugen und Hubschraubern bis hin zu Satelliten, Tr\u00e4gerraketen und Systemen f\u00fcr die Weltraumforschung reicht. Gemessen an der Anzahl der Unternehmen und Besch\u00e4ftigten in diesem Sektor sind wir das drittgr\u00f6\u00dfte Land der Europ\u00e4ischen Union und der drittgr\u00f6\u00dfte Beitragszahler der Europ\u00e4ischen Weltraumorganisation. Nur wenige wissen, dass Italien 1964 mit dem Satelliten \u201eSan Marco 1\u201c als drittes Land der Welt \u2013 nach den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion \u2013 einen Satelliten in die Umlaufbahn brachte, der vollst\u00e4ndig mit italienischem Know-how und eigener Technologie hergestellt wurde. Also nicht gerade die Bilanz eines Landes, das sich nur irgendwie durchwurschtelt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem gibt es sehr konkrete Anzeichen daf\u00fcr, dass Italien auch in Deutschland wettbewerbsf\u00e4hig ist. Unsere Hochgeschwindigkeitsz\u00fcge sind in Europa zu einem Ma\u00dfstab f\u00fcr Servicequalit\u00e4t und Wettbewerbsf\u00e4higkeit geworden. Trenitalia arbeitet daran, im Sommer 2027 Mailand und Rom mit M\u00fcnchen zu verbinden und sp\u00e4ter eine Anbindung bis nach Berlin einzurichten. Italo wird 3,2 Milliarden investieren, um ab 2028 in den deutschen Hochgeschwindigkeitsmarkt einzusteigen. Im Grunde bereiten zwei italienische Betreiber ein Angebot mit neuen Reisem\u00f6glichkeiten f\u00fcr deutsche Fahrg\u00e4ste vor. Ein solcher Meilenstein war vor wenigen Jahren noch undenkbar!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in der Medien- und Finanzwelt stellen die aktuellen Beziehungen alte Vorurteile infrage. Das italienische Unternehmen MFE hat die Mehrheit an dem gro\u00dfen deutschen Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 erworben. Die UniCredit hat ihrerseits eine sehr bedeutende Beteiligung an der Commerzbank aufgebaut, und dies betrifft nicht nur zwei gro\u00dfe Banken, sondern auch die Zukunft der europ\u00e4ischen Finanzintegration.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen Beispielen will ich nicht behaupten, Italien sei pl\u00f6tzlich besser geworden als Deutschland. Vielmehr sollen sie zeigen, wie ungerecht und vereinfachend es ist, mein Land mit Mafia, Steuerhinterziehung und politischer Instabilit\u00e4t gleichzusetzen. Apropos Instabilit\u00e4t: Vor einigen Wochen feierte Ministerpr\u00e4sidentin Meloni ihr vierj\u00e4hriges Jubil\u00e4um an der Spitze des Landes, wobei ihre Regierung nun die am l\u00e4ngsten amtierende in der Geschichte der Italienischen Republik ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was l\u00e4sst sich nun \u00fcber Deutschland sagen? Sollen wir es wirklich als ein Land betrachten, dessen Zukunft bereits vorbei ist? \u00dcberhaupt nicht, w\u00fcrde ich sagen. Deutschland verf\u00fcgt nach wie vor \u00fcber au\u00dfergew\u00f6hnliche Wettbewerbsvorteile, die seine Rolle als f\u00fchrende europ\u00e4ische Wirtschaftsmacht (mit einem Anteil von fast einem Viertel am BIP der Union) und als wichtiger Akteur auf den globalen M\u00e4rkten festigen. Seine St\u00e4rke beruht auf einer soliden Industrie- und Exportbasis: Branchen wie Chemie, Maschinenbau, Automobilindustrie und Elektrotechnik verf\u00fcgen weiterhin \u00fcber F\u00e4higkeiten und Produktionskapazit\u00e4ten von Weltklasse, die durch gro\u00dfe internationale Konzerne und ein Netzwerk aus hochspezialisierten, innovativen und auf den globalen M\u00e4rkten wettbewerbsf\u00e4higen mittelst\u00e4ndischen Unternehmen gest\u00fctzt werden. Es handelt sich um einen einzigartigen Reichtum an technologischem Know-how, Kapital und internationalen Beziehungen, der durch einige wirtschaftlich schwierige Jahre nicht einfach verschwindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Produktionsstruktur wird erg\u00e4nzt durch hochqualifiziertes Humankapital, ein duales System, das Ausbildung und betriebliche Praxis miteinander verbindet, sowie durch eine solide Tradition in Forschung und Innovation. Die deutschen Universit\u00e4ten und Forschungszentren z\u00e4hlen zu den bedeutendsten weltweit. Erst vor wenigen Tagen erhielten zwei deutsche Wissenschaftler, Peter Hegemann und Georg Nagel, den Nobelpreis f\u00fcr Medizin f\u00fcr ihre bahnbrechenden Forschungen zur Optogenetik, mit der sich die Aktivit\u00e4t von Nervenzellen durch Licht steuern l\u00e4sst. Dies best\u00e4tigt erneut die hervorragenden Leistungen der deutschen Forschung und die F\u00e4higkeit ihrer Universit\u00e4ten, mit ihren Entdeckungen neue Perspektiven f\u00fcr die Medizin und die Neurowissenschaften zu er\u00f6ffnen. Ganz zu schweigen von der bew\u00e4hrten deutschen Ingenieurskompetenz, die enorme<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entwicklungsm\u00f6glichkeiten in den strategischen Bereichen gr\u00fcner Wandel, Energietechnologien, Verteidigung und Digitalisierung bietet. Abgerundet wird das Bild durch die geografische Lage im Herzen Europas, ein Verkehrsnetz, das Zugang zu den wichtigsten M\u00e4rkten des Kontinents bietet, Rechtssicherheit und eine Tradition der Haushaltsdisziplin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Indikator f\u00fcr die Wertsch\u00f6pfungsf\u00e4higkeit deutscher Unternehmen ist schlie\u00dflich die Entwicklung des Aktienmarktes. Trotz des Pessimismus im Zusammenhang mit der nationalen Wirtschaft verzeichnete der DAX 2025 eine bessere Performance als die wichtigsten internationalen Indizes, einschlie\u00dflich des S&amp;P 500. Zu dieser Dynamik haben sieben gro\u00dfe Konzerne beigetragen, die deutschen \u201eMagnificent Seven\u201c: SAP, Siemens, Siemens Energy, Allianz, Deutsche Telekom, Rheinmetall und Munich Re. Ihre Leistung zeugt von der F\u00e4higkeit deutscher Unternehmen, in Branchen mit hoher Wertsch\u00f6pfung zu bestehen. Die Zugeh\u00f6rigkeit zum europ\u00e4ischen Binnenmarkt und zur Eurozone st\u00e4rkt die Rolle Deutschlands als unersetzliche S\u00e4ule Europas zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen: Die Krise in Deutschland ist real, doch ebenso real ist die St\u00e4rke des Landes, das sie durchlebt. Das Land verf\u00fcgt \u00fcber alle notwendigen Ressourcen, um diese Krise erfolgreich zu bew\u00e4ltigen. Eine schwierige Phase mit einem unumkehrbaren Niedergang gleichzusetzen, bedeutet, die Probleme der Gegenwart mit dem Schicksal einer Nation zu verwechseln!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letztendlich ist der deutsche Wandel der Wandel des gesamten Westens. Der globale Wettbewerb hat sich ver\u00e4ndert, die traditionelle Industrie steht unter Druck, die Gesellschaften altern, die Technologie ver\u00e4ndert die Arbeitswelt (man denke nur an die k\u00fcnstliche Intelligenz), und die Demokratien haben M\u00fche, ein neues Gleichgewicht zu finden. Diese Herausforderungen betreffen Deutschland, aber auch Italien, Frankreich, Gro\u00dfbritannien, die Vereinigten Staaten und alle anderen westlichen L\u00e4nder. Niemand kann davon ausgehen, diese Phase ohne Schwierigkeiten zu \u00fcberstehen. Doch ist auch niemand zwangsl\u00e4ufig zum Scheitern verurteilt. Im Gegenteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, dass die richtige Reaktion auf die aktuellen Schwierigkeiten weder darin besteht, einer nicht wiederkehrenden Vergangenheit nachzutrauern, noch darin, ein k\u00fcnstliches Vorbild zum Nachahmen zu suchen. Sie besteht vielmehr darin, auf die &#8211; sicherlich zahlreichen &#8211; eigenen St\u00e4rken zu setzen. Sie besteht darin, innovativ zu sein und anzupacken. Sie besteht in der St\u00e4rkung des Multilateralismus. Sie besteht in der F\u00f6rderung starker Partnerschaften zwischen den L\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Italien und Deutschland blicken auf unterschiedliche Geschichten, Kulturen und St\u00e4rken, doch gerade deshalb k\u00f6nnen sie sich gegenseitig erg\u00e4nzen. Die industriellen und technologischen F\u00e4higkeiten Deutschlands, verbunden mit der Kreativit\u00e4t, der unternehmerischen Dynamik und den Kompetenzen Italiens, k\u00f6nnen zu einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ressource f\u00fcr beide Seiten werden. In einer Welt, in welcher der wirtschaftliche und technologische Wettbewerb immer intensiver wird, kann sich keines unserer L\u00e4nder einen Alleingang leisten. Gemeinsam k\u00f6nnen wir dazu beitragen, die Wettbewerbsf\u00e4higkeit Europas wieder anzukurbeln, die industrielle und technologische Autonomie der Europ\u00e4ischen Union zu st\u00e4rken und das Vertrauen in das europ\u00e4ische Projekt wiederherzustellen. Italien und Deutschland k\u00f6nnen erneut zu den beiden Motoren Europas werden, die nicht nur ihren eigenen Volkswirtschaften und Gesellschaften, sondern dem gesamten Kontinent neuen Schwung verleihen. Die Herausforderung ist gro\u00df, doch an Ressourcen mangelt es nicht. Italien und Deutschland sind gemeinsam bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen!&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/epaper.welt.de\/frontend\/getcatalog.do?catalogId=1398236&amp;catalogVersion=3&amp;lang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel von Dirk Sch\u00fcmer<\/a>, Welt am Sonntag, 11.10.2026, S. 29-30<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Ist Deutschlands Zukunft bereits vorbei? \u00dcberhaupt nicht&#8220;, Welt online, 26.10.2026 Ist Italien an Deutschland vorbeigezogen? Das legt ein Beitrag aus der WELT AM SONNTAG nahe. 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