﻿{"id":3863,"date":"2021-11-02T12:09:29","date_gmt":"2021-11-02T11:09:29","guid":{"rendered":"https:\/\/ambberlino.esteri.it\/news\/dall_ambasciata\/2021\/11\/1-11-2021-intervento-dell-ambasciatore-2\/"},"modified":"2021-11-02T12:09:29","modified_gmt":"2021-11-02T11:09:29","slug":"1-11-2021-intervento-dell-ambasciatore-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ambberlino.esteri.it\/de\/news\/dall_ambasciata\/2021\/11\/1-11-2021-intervento-dell-ambasciatore-2\/","title":{"rendered":"01.11.2021: Vortrag des Botschafters Armando Varricchio Deutschland und Italien Hauptakteure f\u00fcr die Zukunft Europas&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Liebe Studierende,<\/strong><br \/><strong>Liebe Professoren,<\/strong><br \/><strong>Sehr geehrter Herr Prof. G\u00fcnter M. Ziegler <\/strong>(Pr\u00e4sident der Freien Universit\u00e4t Berlin)<strong>,<\/strong><br \/><strong>Sehr geehrter Herr Prof. Bernhard Huss <\/strong>(Direktor des Italienzentrums an der Freien Universit\u00e4t Berlin)<strong>,<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">es ist wirklich eine gro\u00dfe Freude, heute hier an Ihrer Universit\u00e4t zu sein, einem Ort der Kultur und des Wissens, an dem durch Studium und Diskussion Ideen geboren werden, wachsen und zu Taten werden k\u00f6nnen.<br \/>Eine noch gr\u00f6\u00dfere Freude ist es, vor deutschen Studierenden und Forschern zu stehen, die sich f\u00fcr die italienische Kultur begeistern, und vor italienischen Studierenden, die in Deutschland einige Themen vertiefen.<br \/>Jeder von Euch tr\u00e4gt in seinem Bereich und auf seine Weise &#8211; vielleicht unbewusst &#8211; dazu bei, die Beziehungen zwischen Deutschland und Italien zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die edle und zwingende Herausforderung, vor der unsere L\u00e4nder stehen, besteht darin, gemeinsam ein Projekt f\u00fcr die Zukunft aufzubauen. Dieses sowohl bilaterale als auch europ\u00e4ische Projekt muss auf gemeinsamen Entscheidungen und Verantwortlichkeiten beruhen. Ferner muss es den Vorstellungen unserer Mitb\u00fcrger entsprechen und in der Lage sein, den Erwartungen der jungen Generationen unseres Kontinents gerecht zu werden&#8220; .*<br \/>Mit diesen Worten wandte sich der Pr\u00e4sident der Italienischen Republik, Sergio Mattarella, bei seinem letzten Berlin-Besuch am 12. Oktober an Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier, mit dem ihn seit langem eine tiefe \u00dcbereinstimmung in Werten und Zielen verbindet.<br \/>Das Staatsoberhaupt unterstrich die zugleich bilaterale und kontinentale Ausrichtung des Handelns unserer L\u00e4nder. Ebenso betonte er die Erwartungen der j\u00fcngeren Generationen &#8211; Eure Erwartungen &#8211; und wie wichtig es ist, dass darauf angemessene Antworten gegeben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr werdet Euch fragen, was die italienischen und deutschen Institutionen tun, um diesem Appell des Staatsoberhauptes gerecht zu werden. Ihr werdet Euch zu Recht fragen: Wie arbeiten wir als Partner daran, dieses gemeinsame europ\u00e4ische Haus zu bauen, das auch das Eure sein wird?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie in der Wissenschaft beginnen wir damit, uns den Status quo anzusehen, aber zuvor auch, von wo wir ausgehen und wo wir stehen.<br \/>Von wo gehen wir aus? Wie Ihr wisst, haben wir schwierige Jahre hinter uns. Die Auswirkungen der Finanzkrise, die 2008 zun\u00e4chst die Vereinigten Staaten traf und dann auf den Rest der Welt \u00fcbergriff, haben auf dem europ\u00e4ischen Kontinent zu einer mitunter angespannten Debatte und hitzigen Diskussionen \u00fcber die zu treffenden Entscheidungen gef\u00fchrt.<br \/>In den letzten Jahren haben viele betont, was uns trennt, die Kluft zwischen Nord und S\u00fcd, als ob die Alpen nicht nur eine geografische Gegebenheit, sondern ein un\u00fcberwindliches kulturelles Hindernis w\u00e4ren.<br \/>Manche haben in diesen Jahren von einer &#8222;Fiskalpolitik S\u00fcdeuropas&#8220; gesprochen und dem eine sparsame Haltung des vermeintlichen Nordens gegen\u00fcbergestellt. Das ist mehr Mythos als Realit\u00e4t, wenn man bedenkt, dass gerade Italien in den letzten zehn Jahren den G\u00fcrtel enger geschnallt hat, um die prim\u00e4ren Staatsausgaben so weit zu senken, dass sie die Einnahmen nicht \u00fcberschreiten.<br \/>Dennoch fehlte es nie an den gemeinsamen Zielen und dem Grundzusammenhalt und erst recht nicht an den gemeinsamen Werten.<br \/>Das haben wir w\u00e4hrend der akuten Phase der Covid-19-Pandemie klar gesehen.<br \/>Kein Italiener, der in Deutschland lebt, wird die vielen herzlichen Artikel vergessen, die in den schwierigsten Momenten der Pandemie in deutschen Zeitungen erschienen, das &#8222;Wir vermissen euch&#8220; und die vielen \u00c4u\u00dferungen der deutschen Sehnsucht nach Italien, dem vermissten Land der Phantasie.<br \/>Trotz der \u00e4u\u00dferst schwierigen Bedingungen und obwohl sie zum ersten Mal mit einer gesundheitlichen Herausforderung dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung konfrontiert waren, nahmen s\u00e4chsische Krankenh\u00e4user zahlreiche italienische Patienten auf, und bayerische Unternehmer organisierten privat Flugzeuge, um dringend ben\u00f6tigte medizinische G\u00fcter nach Italien zu transportieren.<br \/>In all diesen Episoden konnten wir die Koine, das gemeinsame europ\u00e4ische Haus der Mitgliedstaaten, mit H\u00e4nden greifen, sobald wir uns des Ausma\u00dfes der vor uns stehenden Herausforderung bewusst wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wo stehen wir?<br \/>Ich brauche nicht weiter zu betonen, dass Italien und Deutschland starke und tief verwurzelte bilaterale Beziehungen haben. Dennoch m\u00f6chte ich nur ein paar Zahlen nennen, um Ihnen eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie stark und tief verwurzelt diese Beziehungen sind.<br \/>Beginnen will ich mit einem Blick auf die Wirtschaft. Die Beziehungen zu Deutschland sind f\u00fcr unser Land weltweit einzigartig: ein Handelsvolumen von mehr als 116 Milliarden im Jahr 2020 mit einem Wachstum von 24 % im ersten Halbjahr 2021 (das h\u00f6chste unter allen ausl\u00e4ndischen M\u00e4rkten). Das ist eine schlicht unverzichtbare Beziehung.<br \/>Denn der Grad der Verflechtung zwischen Deutschland und Italien ist so hoch, dass man bei einer Analyse unserer Wertsch\u00f6pfungsketten geradezu von Osmose sprechen k\u00f6nnte. Ein Beispiel veranschaulicht, wovon wir sprechen: W\u00e4hrend der Pandemie musste die Automobilproduktion in S\u00fcddeutschland wegen der fehlenden Lieferungen aus Italien gedrosselt oder in einigen F\u00e4llen sogar eingestellt werden. Ohne die Bremsen aus Italien konnte man viele deutsche Autos nicht als vollst\u00e4ndig betrachten.<br \/>Neben einer globalen wirtschaftlichen Ausrichtung, einer Offenheit (und auch Abh\u00e4ngigkeit) gegen\u00fcber dem internationalen Handel unterst\u00fctzen Italien und Deutschland aus voller \u00dcberzeugung eine regelbasierte Weltordnung. Als Exportnationen brauchen wir ein Handlungsumfeld, in dem alle Konkurrenten nach den gleichen Regeln spielen. Aus diesem Grund schenken Italien und Deutschland globalwirtschaftlichen Formaten wie G7 und G20 seit jeher gro\u00dfe Aufmerksamkeit und spielen in diesen Kontexten ein gro\u00dfartiges \u201eSpiel \u00fcber Bande\u201c.<\/p>\n<p>Wie Sie vielleicht wissen, geht die Gr\u00fcndung der G20 vor fast genau 20 Jahren tats\u00e4chlich auf eine deutsche Initiative zur\u00fcck, die 1999 im Abschlusskommuniqu\u00e9 des G7-Gipfels in K\u00f6ln verk\u00fcndet wurde.<br \/>In der Folge gab es auf multilateraler Ebene mehrfach starke Synergien zwischen Italien und Deutschland, so etwa 2017 zwischen der deutschen G20-Pr\u00e4sidentschaft und der italienischen G7-Pr\u00e4sidentschaft. Dank dieser war es m\u00f6glich, eine gemeinsame Formulierung zum Schutz einer &#8222;regelbasierten internationalen Ordnung&#8220; in die Abschlusskommuniqu\u00e9s der Gipfeltreffen von Taormina und Hamburg aufzunehmen.<br \/>Dar\u00fcber hinaus konnte dank der Zusammenarbeit zwischen den Sherpas aus Italien und Deutschland die Integrit\u00e4t des Pariser Abkommens von 2015 gewahrt und verhindert werden, dass der R\u00fcckzug der USA bei den Verpflichtungen der anderen G20-Partner einen Wettlauf nach unten ausl\u00f6st.<br \/>Auch w\u00e4hrend des italienischen G20-Vorsitzes, der mit dem Gipfeltreffen am vergangenen Wochenende zu Ende ging, war die Synergie zwischen Italien und Deutschland eine solide Basis, auf der man arbeiten konnte, um die gemeinsame Vision der Welt und die gemeinsamen Werte, die unsere L\u00e4nder auszeichnen, zu bekr\u00e4ftigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Last but definitely not least: die kulturellen Beziehungen. Ich bin zutiefst davon \u00fcberzeugt, dass die Kultur nicht nur f\u00fcr den Aufbau einer soliden bilateralen Beziehung wichtig ist, sondern &#8222;ganz einfach\u201c auch f\u00fcr eine sch\u00f6nere und harmonischere Art und Weise, in der jeder Einzelne seine F\u00e4higkeiten voll zum Ausdruck bringen kann.<br \/>Und die Kultur stellt ein grundlegendes und fruchtbares Kapitel in den Beziehungen zwischen unseren beiden L\u00e4ndern dar, das in allen Bereichen au\u00dferordentlich reich und konstruktiv ist. Als Erben einer jahrhundertealten Tradition gegenseitiger Beeinflussung speist sich der Austausch zwischen Italien und Deutschland weiterhin aus einer st\u00e4ndig wachsenden Vielzahl von Initiativen.<br \/>Das Netzwerk der 24 deutschen Kultureinrichtungen in Italien ist das umfangreichste der Welt. Das Netz italienischer Kultur- und Sprachinstitutionen in Deutschland ist eines der dichtesten im Ausland. Es umfasst f\u00fcnf italienische Kulturinstitute (die gr\u00f6\u00dfte Zahl weltweit), 17 Italienisch-Lektorate an romanistischen Fakult\u00e4ten und die Italienzentren an deutschen Universit\u00e4ten. Sie sind &#8211; wie die Veranstaltung am heutigen Abend deutlich zeigt &#8211; ein N\u00e4hrboden f\u00fcr Initiativen, die Br\u00fccken schlagen und den Dialog zwischen den Kulturen beider L\u00e4nder pflegen.<br \/>Der wissenschaftliche und akademische Austausch ist nach wie vor sehr rege: Italien ist nach China das zweitwichtigste Herkunftsland f\u00fcr ausl\u00e4ndische Studierende, die sich f\u00fcr einen Studienaufenthalt in Deutschland entscheiden. F\u00fcr Forscher ist es das erste und f\u00fcr Hochschullehrer nach \u00d6sterreich und der Schweiz das dritte; also wiederum das erste nicht-deutschsprachige Land.<br \/>Auf dieser Grundlage haben wir wichtige bilaterale Initiativen aufgebaut. Dazu z\u00e4hlt der Deutsch-Italienische \u00dcbersetzerpreis f\u00fcr literarische \u00dcbersetzung, der 2008 zum ersten Mal vergeben wurde und uns auch k\u00fcnftig alle zwei Jahre begleiten wird. Der Preis w\u00fcrdigt die Arbeit literarischer \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer, die eine grundlegende Rolle als Kulturvermittler zwischen Italien und Deutschland spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Ihr seht, haben wir zwischen italienischen und deutschen Institutionen gemeinsam einen langen Weg zur\u00fcckgelegt.<br \/>Jetzt, da die akuteste Phase der Pandemie f\u00fcr uns in Europa vor\u00fcber ist, haben wir jedoch die Aufgabe, \u00fcber den Horizont hinauszuschauen und uns zu fragen: &#8222;Wohin wollen wir gehen?&#8220;.Vor allem m\u00fcssen wir Handlungslinien festlegen und strategische Entscheidungen von grundlegender Bedeutung f\u00fcr Europa treffen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Die erste Entscheidung, die getroffen werden muss, ist die zwischen dem Zugang zu Ressourcen\/Geldern und den Rechten. Wir m\u00fcssen uns fragen, wie hoch der Preis f\u00fcr unsere Rechte ist und wie weit die Verteidigung des harten Kerns der grundlegenden und unver\u00e4u\u00dferlichen Rechte geht, die unsere Union so sehr auszeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Die zweite Entscheidung betrifft die internen Mechanismen der Union, eine Herausforderung, die meine Generation bereits erlebt hat: Wir m\u00fcssen unseren Entscheidungsprozess effizienter gestalten. Wir m\u00fcssen lernen, als globaler Akteur zu entscheiden, und wir m\u00fcssen lernen, schneller zu entscheiden, ohne deshalb die Dialektik aufzugeben, die ein so bedeutungsvolles Erbe f\u00fcr unseren Kontinent ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Die dritte Entscheidung betrifft den Wettbewerb: Im Grunde ist er eine Herausforderung f\u00fcr unsere Kreativit\u00e4t. Wir m\u00fcssen neue Wege finden, um die Ziele der Digitalisierung und der Klimaneutralit\u00e4t zu erreichen und gleichzeitig unseren Wohlstand und unseren Lebensstil zu erhalten. Einige sagen, dass es schwierig sein wird &#8211; &#8222;Tertium non datur&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch. Ist es nicht auch diese Suche nach neuen Wegen, welche die Europ\u00e4ische Union einzigartig macht?<br \/>Dies sind drei gro\u00dfe Herausforderungen, die nur bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen, wenn man ein Gleichgewicht zwischen Inklusion und Verantwortung findet. Angesichts dieser systemischen Herausforderungen d\u00fcrfen einige Mitgliedstaaten die Rolle, die sie innerhalb der Union spielen, nicht verbergen. Einige wie zwei der f\u00fchrenden europ\u00e4ischen Herstellerl\u00e4nder, einige wie zwei der Gr\u00fcnderstaaten der Europ\u00e4ischen Union, einige wie Deutschland und Italien. Nicht um widerwillig die Hegemonisten zu spielen, sondern in dem Bewusstsein, dass sie unverzichtbare Akteure in der Ever closer Union sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Bewusstsein dieser Herausforderungen und der Notwendigkeit, das \u201eWohin gehen wir?\u201c festzulegen, sp\u00fcrten wir auf europ\u00e4ischer Ebene die Notwendigkeit, zusammenzukommen und uns das Europa von morgen vorzustellen. So wurde eine Konferenz zur Zukunft Europas ins Leben gerufen, eine gemeinsame Initiative des Europ\u00e4ischen Parlaments, des Rates und der Kommission, die allen europ\u00e4ischen B\u00fcrgern die M\u00f6glichkeit bieten soll, die Herausforderungen und Priorit\u00e4ten Europas zu er\u00f6rtern und durch eine Reihe von Diskussionen und Debatten unter f\u00fchrender Beteiligung der B\u00fcrger \u00fcber die Zukunft der Europ\u00e4ischen Union nachzudenken.<br \/>Die Konferenz, die im Mai letzten Jahres an den Start ging, soll im Fr\u00fchjahr 2022 zu einem Ergebnis kommen.<br \/>Italien brachte als einer der ersten Mitgliedstaaten in Form eines sogenannten Non Papers seine Ideen zu den Modalit\u00e4ten, Zielen und der Organisation der Konferenz ein.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber sprechen wir in unserem Non-Paper? Ich m\u00f6chte einige besonders wichtige Initiativen erw\u00e4hnen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Zun\u00e4chst haben wir vorgeschlagen, europ\u00e4ische Vertretungsregelungen zu st\u00e4rken, insbesondere die Rolle des Europ\u00e4ischen Parlaments, unter anderem durch die Formalisierung seines legislativen Initiativrechts. Wir sollten auch die M\u00f6glichkeit einer Harmonisierung der Wahlvorschriften f\u00fcr die Europawahlen pr\u00fcfen, um die Grundlagen f\u00fcr eine politische Kampagne auf europ\u00e4ischer Ebene zu schaffen. Dies ist ein Vorschlag, der das gemeinsame Empfinden der &#8222;Erasmus-Generation&#8220; widerspiegeln soll, zu der viele, vielleicht sogar alle von Euch geh\u00f6ren und das sich noch nicht in den europ\u00e4ischen Wahlverfahren widerspiegelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Zweitens haben wir vorgeschlagen, die Transparenz und Effizienz der Entscheidungsprozesse in der EU zu erh\u00f6hen. Rechenschaftspflicht und Verwaltungseffizienz sind ein Muss in einem Europa, das immer noch von Euroskepsis durchdrungen ist. Um der EU eine Zukunft zu geben, m\u00fcssen wir die EU zu einem \u00fcberzeugenden Produkt machen, das ohne allzu viel Marketing f\u00fcr sich selbst spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. In der Gemeinsamen Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik wollen wir als Italien zu Entscheidungen mit qualifizierter Mehrheit \u00fcbergehen, um die L\u00e4hmung durch Vetorechte einzelner Regierungen bei Entscheidungen zu vermeiden, die f\u00fcr die Stellung Europas in der Welt entscheidend sind. Wenn wir unser erkl\u00e4rtes Ziel, mehr Verantwortung zu \u00fcbernehmen, verwirklichen wollen, m\u00fcssen wir in unserem Entscheidungsprozess effizienter werden und nat\u00fcrlich bereit sein, mehr in personelle und finanzielle Ressourcen zu investieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig schlagen wir vor, dass sich die Konferenz auf eine Reihe wesentlicher politischer Ma\u00dfnahmen konzentrieren sollte, die sich mittel- bis langfristig direkt auf das Leben der B\u00fcrger auswirken.<br \/>Die Priorit\u00e4ten sind Klima und Umwelt, Migration, Vollendung der Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion, Binnenmarkt, Industriepolitik, Steuerharmonisierung, die soziale Dimension und der Kampf gegen Ungleichheiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nenne einige Beispiele:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Unsere Entscheidungsfreiheit&#8230;, d.h. die strategische Autonomie der Europ\u00e4ischen Union. Wir brauchen sie in mehreren Bereichen dringend, um Europa weniger exponiert und anf\u00e4llig f\u00fcr Abh\u00e4ngigkeiten von anderen Akteuren zu machen. Diese Autonomie muss im Geiste einer engen Zusammenarbeit mit der NATO und im Rahmen einer starken transatlantischen Beziehung erreicht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Die Verantwortung, Solidarit\u00e4t zu zeigen&#8230; d.h. eine wirksame und koh\u00e4rente Migrationspolitik zu beschlie\u00dfen, in der die Solidarit\u00e4t, die derzeit bestenfalls auf freiwilliger Basis gegeben ist, strukturell wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Gesundheit, wie uns die Pandemie auf dramatische Weise gezeigt hat;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4. Der digitale Wandel, bei dem wir sehr stark in die Entwicklung von Technologien investieren m\u00fcssen. Ich m\u00f6chte nur zwei nennen: k\u00fcnstliche Intelligenz und sichere Konnektivit\u00e4t wie etwa 5G\/6G;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5. Der &#8222;Green Deal&#8220; ist nicht nur ein moralischer Imperativ zum Wohle k\u00fcnftiger Generationen, sondern auch eine gro\u00dfe Chance, um Wachstum und Investitionen in Europa anzukurbeln;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6. Die Festlegung einer einheitlichen und koh\u00e4renten Wirtschafts- und Steuerpolitik f\u00fcr die gesamte Eurozone, die auf den positiven Erfahrungen der Initiative Next Generation EU aufbaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Sie sehen k\u00f6nnen, wurden die meisten dieser Themen auch in unseren Nationalen Aufbau- und Resilienzplan in Italien aufgenommen. Mit der Umsetzung dieses Plans hat Italien ein umfangreiches Investitions- und Reformprogramm zur Modernisierung des Landes eingeleitet, an dem auch unsere k\u00fcnftigen Generationen beteiligt sein werden und bei dem Ihr die Hauptakteure sein werdet.<br \/>Was die von mir bereits erw\u00e4hnten Wertsch\u00f6pfungsketten betrifft, so werden die italienischen und deutschen Entscheidungstr\u00e4ger in Zukunft von den sehr aktuellen Fragen der Rohstoffversorgung und der Energiekosten ausgehen, die f\u00fcr zwei industriell gepr\u00e4gte Volkswirtschaften wie Deutschland und Italien, als wichtigstes bzw. zweitwichtigstes Herstellerland Europas, von grundlegender Bedeutung sind.<br \/>Alle, die in diesem Bereich arbeiten, sind sich dieser Zusammenh\u00e4nge sehr wohl bewusst. Die Produktionssektoren sind das R\u00fcckgrat der bilateralen Beziehungen. Auf ihnen und gemeinsamen Idealen beruhen die gemeinsamen Standpunkte, die wir zu den meisten wichtigen Dossiers der europ\u00e4ischen Agenda verfassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Ich m\u00f6chte mich nur auf den wirtschaftlichen Bereich beschr\u00e4nken und an das Engagement im Zusammenhang mit der Umsetzung der nationalen Aufbau- und Resilienzpl\u00e4ne, die Ziele f\u00fcr den digitalen und gr\u00fcnen Wandel, die Innovationsentwicklung und die Zusammenarbeit in Europa erinnern. So soll sichergestellt werden, dass die EU \u00fcber die technologische Souver\u00e4nit\u00e4t verf\u00fcgt, die sie braucht, um im immer h\u00e4rteren internationalen Wettbewerb, insbesondere mit den asiatischen Konkurrenten, mithalten zu k\u00f6nnen.<br \/>Unsere Aufgabe als Institutionen ist es, diese Bem\u00fchungen zu unterst\u00fctzen und zu f\u00f6rdern. Es gilt, im Zusammenspiel mit allen \u00f6ffentlichen und privaten Akteuren in einem systemischen Ansatz zu agieren.<br \/>Unsere Entwicklungsperspektiven stehen in direktem Zusammenhang mit der F\u00e4higkeit, unsere bilaterale Partnerschaft zu st\u00e4rken und sie auf bisher weniger als die traditionellen Bereiche erforschte Gebiete auszudehnen, wie Hochtechnologie, fortschrittliche Fertigung, Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Kreislaufwirtschaft und Forschung.<br \/>Wie Ihr wisst, sind die beiden L\u00e4nder in vielen Innovationsbereichen weltweit f\u00fchrend. Es wird wichtig sein, Seite an Seite mit den anderen europ\u00e4ischen Partnern zu arbeiten, angefangen beim Important Project of Common European Interest (IPCEI), das derzeit zu Schl\u00fcsselthemen f\u00fcr die Entwicklung der n\u00e4chsten Jahrzehnte l\u00e4uft: Wasserstoff, Cloud, Mikroprozessoren, Batterien und Smart Health.<br \/>Aber auch im kulturellen Bereich bereiten wir ein gro\u00dfes Ereignis f\u00fcr die italienische Kultur als Ganzes vor: Italien wird n\u00e4mlich Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2024 sein, ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Schaufenster, um die italienische Kulturszene Deutschland und dadurch der ganzen Welt zu pr\u00e4sentieren.<br \/>Davor wird Italien im Februar 2022 im Rahmen der Berlinale &#8222;Country in Focus&#8220; des European Film Market sein: eine weitere wichtige Gelegenheit f\u00fcr die Sichtbarkeit und Aufwertung einer Kulturindustrie &#8211; der Filmindustrie -, die stark dazu beigetragen hat, das Bild Italiens im Ausland und auch im eigenen Land zu pr\u00e4gen.<br \/>Wie Ihr seht, sind dies alles Bereiche, in denen Italien, Deutschland und Europa ihre F\u00fchrungsrolle st\u00e4rken sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben den gerade genannten Themen sollten die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger im Mittelpunkt der Konferenz zur Zukunft Europas stehen: Jede Ver\u00e4nderung auf europ\u00e4ischer Ebene muss einen demokratischen und offenen Ansatz haben, um glaubw\u00fcrdig und dauerhaft zu sein. Aus diesem Grund bem\u00fcht sich Italien um eine Sensibilisierung der B\u00fcrger f\u00fcr die behandelten Themen, um eine m\u00f6glichst breite Beteiligung zu erreichen.<br \/>Italien will vor allem Euch junge Menschen einbeziehen. Mit einer Jugendkonferenz in Rom und im November mit einem Treffen, das Jungen und M\u00e4dchen aus den westlichen Balkanl\u00e4ndern offensteht, bietet sich die Gelegenheit, die europ\u00e4ische Perspektive unter den jungen Generationen der westlichen Balkanl\u00e4nder wach zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine \u00e4hnliche Initiative wird auch am 3. Dezember im Rahmen des Med Dialogues Youth Forums stattfinden. Bei dieser Gelegenheit werden junge Menschen aus den s\u00fcdlichen Mittelmeerl\u00e4ndern \u00fcber das Thema Energiewende und das Modell des europ\u00e4ischen &#8222;Green Deal&#8220; diskutieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das ist noch nicht genug. Auf deutsch-italienischer Ebene haben wir k\u00fcrzlich das Spinelli-Forum ins Leben gerufen, bei dem sechzig junge deutsche und italienische F\u00fchrungskr\u00e4fte zusammenkamen, um \u00fcber die gro\u00dfen politischen Herausforderungen unseres Kontinents und die Impulse zu diskutieren, die eine verst\u00e4rkte Beziehung zwischen den Zivilgesellschaften unserer beiden L\u00e4nder bringen k\u00f6nnte. Am Ende der zweit\u00e4gigen Diskussion erarbeiteten die Teilnehmer aus beiden L\u00e4ndern konkrete politische Empfehlungen, die auf der Plattform der Konferenz zur Zukunft Europas vorgestellt werden.<br \/>Wie Ihr seht, ist es uns mit der Einbeziehung junger Menschen ernst. Denn die Beteiligung junger Menschen, Eure Beteiligung, ist heute entscheidend.<br \/>Es handelt sich dabei keineswegs um einen Slogan, sondern um die Anerkennung der Realit\u00e4t: Die heutigen Herausforderungen, angefangen beim Klimawandel, haben eine r\u00e4umlich-zeitliche Dimension erreicht, die eine generationen-\u00fcbergreifende Arbeit erfordert.<br \/>Heute pflanzen wir B\u00e4ume und wissen, dass wir nicht diejenigen sein werden, die in ihrem Schatten sitzen. Und wir wissen, dass in ihrem Schatten junge Menschen wie Ihr sein werden, die viel besser als wir darin geschult sind, interkulturelle Zusammenh\u00e4nge zu verstehen, und die in der Lage sind, resiliente Protagonisten des Neuaufbaus, diese Next Generation EU zu werden, die wir so oft ansprechen.<br \/>Deshalb lade ich Euch alle ein, die M\u00f6glichkeiten zur Teilnahme zu nutzen, welche die italienischen und deutschen Institutionen Euch anbieten, angefangen beim Spinelli-Forum. Wenn Euch die Themen interessieren, bewerbt Euch f\u00fcr die n\u00e4chste Ausgabe, die in Italien stattfinden wird!<br \/>Und auf europ\u00e4ischer Ebene: Seid stolz auf Euer Studium, das Euch zu profunden Kennern des heutigen Europas macht, und seid mutig genug, um zu Protagonisten beim Aufbau und der Neubelebung von Beziehungen wie denen zwischen Deutschland und Italien zu werden, die wir niemals als selbstverst\u00e4ndlich betrachten d\u00fcrfen.<br \/>Diese Beziehungen d\u00fcrfen n\u00e4mlich keinen Endpunkt darstellen, sondern sollten ein solider Ausgangspunkt f\u00fcr einen weiteren Qualit\u00e4tssprung sein, durch den sich bereits hervorragende Beziehungen in eine echte strategische Partnerschaft verwandeln.<br \/>Das ist die Herausforderung, der wir uns gemeinsam mit unseren deutschen Freunden stellen sollten.<br \/>Es ist eine systemische Herausforderung, von der die Zukunft Europas abh\u00e4ngt, ein Europa, in dem Deutschland und Italien eine f\u00fchrende Rolle spielen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass viele von Euch auch selbst Hauptakteure in diesen Beziehungen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">* Aus der Rede von Staatspr\u00e4sident Mattarella w\u00e4hrend des Mittagessens im Schloss Bellevue anl\u00e4sslich der Verleihung des Preises der beiden Pr\u00e4sidenten f\u00fcr die kommunale Zusammenarbeit zwischen Italien und Deutschland, 12.10.2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Liebe Studierende,Liebe Professoren,Sehr geehrter Herr Prof. G\u00fcnter M. 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