﻿{"id":4220,"date":"2019-11-08T09:48:52","date_gmt":"2019-11-08T08:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/ambberlino.esteri.it\/news\/dall_ambasciata\/2019\/11\/07-11-2019-discorso-del-presidente-2\/"},"modified":"2019-11-08T09:48:52","modified_gmt":"2019-11-08T08:48:52","slug":"07-11-2019-discorso-del-presidente-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ambberlino.esteri.it\/de\/news\/dall_ambasciata\/2019\/11\/07-11-2019-discorso-del-presidente-2\/","title":{"rendered":"07.11.2019: Rede der Pr\u00e4sidentin des Italienischen Senats Elisabetta Casellati an der Gedenkst\u00e4tte Berliner Mauer"},"content":{"rendered":"<p>Mit bewegenden Gef\u00fchlen \u00fcberbringe ich Ihnen meinen pers\u00f6nlichen Gru\u00df und den des Senats der Italienischen Republik zum drei\u00dfigsten Jahrestag des Falls der Berliner Mauer.<\/p>\n<p>Heute hier zu sein, hat f\u00fcr mich eine tiefe Bedeutung: Was ein Symbol f\u00fcr die Spaltung zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und freiheitlichen Demokratien, zwischen der abgeschotteten Welt erstickender Sicherheitsapparate und f\u00fcr die Zukunft offenen Gesellschaften war, kann uns heute Hoffnung und Vertrauen in das Morgen verleihen.<br \/>Die Abfolge der Ereignisse von 1989 geschah in einem so unerwarteten Crescendo, dass das Verst\u00e4ndnis der B\u00fcrger und Beobachter nicht Schritt halten konnte.<br \/>Auch wenn der politische Fr\u00fchling mit der offiziellen Anerkennung und dem anschlie\u00dfenden Eintritt der Solidarno\u015b\u0107 in die polnische Regierung begonnen hatte, schien die Unterdr\u00fcckung des chinesischen Studentenaufstandes auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Rad der Geschichte unerbittlich zur\u00fcckgedreht zu haben.<br \/>Doch dem war nicht so.<\/p>\n<p>Die mutige Wiederer\u00f6ffnung der ungarischen Grenze zu \u00d6sterreich am 10. September gab den Ostdeutschen die M\u00f6glichkeit, die DDR-Kontrollen zu umgehen und sich mit ihren Br\u00fcdern im Westen wiederzuvereinen.<br \/>Von da an war die Dynamik unaufhaltsam.<br \/>Die Auswirkungen der neuen sowjetischen Politik &#8211; Glasnost und Perestrojka &#8211; lie\u00dfen sich nicht mehr aufhalten, es gab keine Alibis mehr, um die Bestrebungen und Tr\u00e4ume einer durch jahrzehntelange Diktatur ersch\u00f6pften Bev\u00f6lkerung aufzuhalten.<br \/>Als am 9. November 1989 um 18.57 Uhr die zwei scheinbar harmlosen Worte &#8211; \u201eab sofort\u201c &#8211; Ausl\u00f6ser f\u00fcr die \u00dcberwindung der Grenzbarrieren waren, die Berlin verwundet und gedem\u00fctigt hatten, glich die Wirkung einer Explosion.<br \/>Der Versuch der ostdeutschen Machthaber, den Druck der Bev\u00f6lkerung durch begrenzte Zugest\u00e4ndnisse einzud\u00e4mmen, kollidierte mit dem Offensichtlichen, der Vernunft und der Kraft der Wahrheit.<br \/>Der Wunsch nach Wiedervereinigung war \u00fcberw\u00e4ltigend. St\u00e4rker als jede milit\u00e4rische Ordnung \u00fcberwand er sogar Vorbehalte, Z\u00f6gern und Erwartungen der europ\u00e4ischen Regierungschefs. In den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern gab es n\u00e4mlich Bef\u00fcrchtungen, dass der Mauerfall Gorbatschow \u00fcberm\u00e4\u00dfig schw\u00e4chen k\u00f6nnte, andere hielten eine Wiedervereinigung Deutschlands binnen kurzer Zeit f\u00fcr unm\u00f6glich, wieder andere f\u00fcrchteten Repressalien des pro-sowjetischen Regimes.<br \/>Es gab kein Internet, es gab keine M\u00f6glichkeit, Informationen in Echtzeit zu \u00fcbertragen, wie es heute der Fall ist; aber von Haus zu Haus, von Familie zu Familie war die Mundpropaganda st\u00e4rker als alles, was bis dahin geschehen war.<\/p>\n<p>Vor, unter und auf der Mauer feierten die freigelassenen und ungl\u00e4ubigen Ostberliner, bewunderten die Lichter und Schaufenster, die sie sich bis dahin nur hatten vorstellen k\u00f6nnen; die Westb\u00fcrger, stark in ihrem Stolz, den die Trennung nicht besch\u00e4digt hatte; die Alten, die noch die Trag\u00f6die des Krieges vor Augen hatten und sich nie mit einem endlosen Fegefeuer abfinden wollten; vor allem waren da junge Menschen.<br \/>Die Generationen, die nichts mit der Naziherrschaft und nichts mit dem Kommunismus zu tun hatten.<br \/>Es waren die Jugendlichen, die heimlich jeden Tag versuchten, ihre Fernseher auf die Sendungen aus dem Westen einzustellen, die nie aufgeh\u00f6rt hatten, sich wirklich deutsch, sich wirklich europ\u00e4isch zu f\u00fchlen.<br \/>Diese d\u00fcstere Betonmauer, diese 160 Kilometer maximalistische Utopie, die bald zur Grenze eines Gef\u00e4ngnisses unter freiem Himmel wurde, hatte ihren Schrecken f\u00fcr immer verloren.<br \/>Seit 1961 waren Hunderte von Menschen get\u00f6tet worden. M\u00e4nner, Frauen, Kinder und Alte, Opfer von Scharfsch\u00fctzen, denen man befohlen hatte, niemanden hin\u00fcberzulassen.<br \/>Der 9. November machte diesen Schrecken zunichte.<br \/>Bundeskanzler Helmut Kohl, einer der V\u00e4ter des vereinten Deutschlands und einer der V\u00e4ter der Europ\u00e4ischen Union, sagte im Gedanken an diese Stunden: \u201eDer Tag des Mauerfalls war der Tag des Gl\u00fccks, aber auch der Tag der Schande. Doch die jungen Leute werden die Wunden der Mauer \u00fcberwinden.\u201c<\/p>\n<p>Vom n\u00e4chsten Tag an prallte die moralische Kraft des vereinten Berlins auf die Widerspr\u00fcche, die Europa noch immer als Geisel hielten, und fegte sie f\u00fcr immer hinweg.<br \/>Bulgarien, Tschechoslowakei, Rum\u00e4nien: Die Bl\u00f6cke existierten nicht mehr. Es gab den eisernen Vorhang nicht mehr, den Churchill bereits im April 1945, mitten in der Krise von Triest, erw\u00e4hnt hatte.<br \/>Und wie k\u00f6nnten wir uns nicht daran erinnern, was am 1. Dezember 1989 in Berlin, Deutschland und der Welt geschah: W\u00e4hrend das deutsche Parlament im Grunde das politische Monopol der Kommunistischen Partei beendete, empfing Papst Johannes Paul II. im Vatikan fast zeitgleich Michail Gorbatschow.<br \/>In diesen 30 Jahren nach dem Fall der Mauer haben wir den Fall der Grenzen in Europa folgen lassen.<\/p>\n<p>Der freie Waren- und Personenverkehr sowie der Erweiterungs- und Integrationsprozess der europ\u00e4ischen Staaten bleiben nach wie vor die beste Garantie, die wir an k\u00fcnftige Generationen weitergeben k\u00f6nnen, damit sich die Fehler und Schrecken der Vergangenheit nicht wiederholen.<\/p>\n<p>70 Jahre Frieden, Entwicklung und Wohlstand sind das Ergebnis eines Weges der Freundschaft und Solidarit\u00e4t, den wir in jeder Hinsicht f\u00fcr unumkehrbar halten d\u00fcrfen.<br \/>Das ist ein Prozess, in dem es durchaus auch Kritikpunkte, Widerspr\u00fcche und R\u00fcckschl\u00e4ge gegeben hat.<br \/>Ich denke an den Brexit, den Mangel an Solidarit\u00e4t zwischen den Mitgliedstaaten bei der Steuerung der Migrationsstr\u00f6me, die Verz\u00f6gerungen bei der Umsetzung einer gemeinsamen Au\u00dfenpolitik.<\/p>\n<p>Der Weg zur vollst\u00e4ndigen europ\u00e4ischen Integration hat jedoch solide Wurzeln und tiefere Gr\u00fcnde, die st\u00e4rker sind als alle anderen Entwicklungen.<br \/>Das lehrt uns gerade dieser 9. November 1989.<br \/>Neben Berlin und den gro\u00dfen deutschen St\u00e4dten erinnere ich mich an viele junge Menschen, die in den folgenden Tagen und Wochen ihre Freude auf den Pl\u00e4tzen und an den Universit\u00e4ten in Italien zum Ausdruck brachten.<br \/>Von Rom bis Mailand war der Sieg der Freiheit der Sieg einer ganzen Generation, ein gemeinsamer Sieg.<br \/>Ich erinnere mich auch daran, dass das italienische Parlament 2005 den 9. November zum \u201eTag der Freiheit\u201c erkl\u00e4rte, um an die Ereignisse zu erinnern, die Lehren daraus weiterzugeben und alle Versuchungen neuer Spaltungen abzuwenden.<br \/>Angesichts dieser Gef\u00fchle betrachte ich die Freundschaft zwischen Italien und Deutschland als einen entscheidenden Faktor f\u00fcr die Stabilit\u00e4t und das Wachstum des gesamten europ\u00e4ischen Aufbauwerks.<br \/>Ich freue mich, dass die Vertreter der italienischen Gemeinschaft der Comites heute anwesend sind, und danke ihnen daf\u00fcr, dass sie mit ihrer T\u00e4tigkeit die italienische Identit\u00e4t in Deutschland w\u00fcrdigen, st\u00e4rken und diese enge und kontinuierliche Beziehung des Dialogs und der Zusammenarbeit zwischen unseren beiden L\u00e4ndern jeden Tag konkret mit Leben f\u00fcllen. Es lebe Berlin, es lebe die Freundschaft unter den V\u00f6lkern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit bewegenden Gef\u00fchlen \u00fcberbringe ich Ihnen meinen pers\u00f6nlichen Gru\u00df und den des Senats der Italienischen Republik zum drei\u00dfigsten Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. 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