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„Ist Deutschlands Zukunft bereits vorbei? Überhaupt nicht“, Artikel des Botschafters Fabrizio Bucci, Welt online, 26.10.2026

Articolo Ambasciatore Bucci

„Ist Deutschlands Zukunft bereits vorbei? Überhaupt nicht“, Welt online, 26.10.2026

Ist Italien an Deutschland vorbeigezogen? Das legt ein Beitrag aus der WELT AM SONNTAG nahe. Hier antwortet der italienische Botschafter Fabrizio Bucci – mit einer Gegenrede.

„Seit zwei Jahren lebe ich nun in Berlin, das ich liebe und als mein Zuhause betrachte, und ich kenne die Probleme Deutschlands gut. Ich möchte sie auch nicht leugnen. Doch frage ich mich, ob Dirk in seinem Versuch, den Mythos der deutschen Effizienz zu entkräften, nicht letztendlich einen spiegelbildlichen Mythos schafft, nämlich den eines Italiens, das auf wundersame Weise gerade dank seiner Desorganisation gedeiht (auch dies ist ein etwas veraltetes Klischee).

Italien hat zwar – wie übrigens auch viele andere Teile Europas – zahlreiche Probleme: eine hohe Staatsverschuldung, Bürokratie, geringe Produktivität, regionale Ungleichheiten. Aber ist das wirklich schon alles?

Mein Land ist weltweit bekannt für seine drei „F“: Fashion, Furniture, Food. Das weiß jeder. Doch vielleicht wissen nur wenige, dass Italien auch die zweitgrößte Industrienation Europas und einer der weltweit größten Exporteure ist (wir liegen auf Platz vier, Deutschland auf Platz drei). Das Land ist ein Vorreiter in den Bereichen Mechatronik und fortschrittliche Technologien. Italien ist das führende G7-Land bei der Stahlproduktion mit erneuerbaren Energien. Es ist das führende EU-Land auf dem Gebiet der Abfallwirtschaft und der Kreislaufwirtschaft. Wir gehören weltweit zu den Spitzenreitern in der Nanotechnologie. Wir sind weltweit führend auf dem Gebiet des Supercomputings in Verbindung mit Quantensystemen (der Supercomputer „Leonardo“ in Bologna bringt mein Land auf das Siegertreppchen der globalen Rechenleistung). Bei den Halbleitern liefert Italien nicht nur Spitzenleistung, sondern rangiert zusammen mit Deutschland und Frankreich dauerhaft unter den drei größten Produktionsländern der Europäischen Union. Italien ist eine globale Supermacht im Pharmasektor und gehört fest zu den Top 10 der weltweiten Pharmahersteller. 2025 beliefen sich unsere Arzneimittelexporte auf über 69 Milliarden Euro.

Italien ist eine der weltweit führenden Mächte in der Luft- und Raumfahrt und blickt auf eine Industriekette, die von der Planung und Herstellung von Flugzeugen und Hubschraubern bis hin zu Satelliten, Trägerraketen und Systemen für die Weltraumforschung reicht. Gemessen an der Anzahl der Unternehmen und Beschäftigten in diesem Sektor sind wir das drittgrößte Land der Europäischen Union und der drittgrößte Beitragszahler der Europäischen Weltraumorganisation. Nur wenige wissen, dass Italien 1964 mit dem Satelliten „San Marco 1“ als drittes Land der Welt – nach den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion – einen Satelliten in die Umlaufbahn brachte, der vollständig mit italienischem Know-how und eigener Technologie hergestellt wurde. Also nicht gerade die Bilanz eines Landes, das sich nur irgendwie durchwurschtelt!

Zudem gibt es sehr konkrete Anzeichen dafür, dass Italien auch in Deutschland wettbewerbsfähig ist. Unsere Hochgeschwindigkeitszüge sind in Europa zu einem Maßstab für Servicequalität und Wettbewerbsfähigkeit geworden. Trenitalia arbeitet daran, im Sommer 2027 Mailand und Rom mit München zu verbinden und später eine Anbindung bis nach Berlin einzurichten. Italo wird 3,2 Milliarden investieren, um ab 2028 in den deutschen Hochgeschwindigkeitsmarkt einzusteigen. Im Grunde bereiten zwei italienische Betreiber ein Angebot mit neuen Reisemöglichkeiten für deutsche Fahrgäste vor. Ein solcher Meilenstein war vor wenigen Jahren noch undenkbar!

Auch in der Medien- und Finanzwelt stellen die aktuellen Beziehungen alte Vorurteile infrage. Das italienische Unternehmen MFE hat die Mehrheit an dem großen deutschen Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 erworben. Die UniCredit hat ihrerseits eine sehr bedeutende Beteiligung an der Commerzbank aufgebaut, und dies betrifft nicht nur zwei große Banken, sondern auch die Zukunft der europäischen Finanzintegration.

Mit diesen Beispielen will ich nicht behaupten, Italien sei plötzlich besser geworden als Deutschland. Vielmehr sollen sie zeigen, wie ungerecht und vereinfachend es ist, mein Land mit Mafia, Steuerhinterziehung und politischer Instabilität gleichzusetzen. Apropos Instabilität: Vor einigen Wochen feierte Ministerpräsidentin Meloni ihr vierjähriges Jubiläum an der Spitze des Landes, wobei ihre Regierung nun die am längsten amtierende in der Geschichte der Italienischen Republik ist.

Was lässt sich nun über Deutschland sagen? Sollen wir es wirklich als ein Land betrachten, dessen Zukunft bereits vorbei ist? Überhaupt nicht, würde ich sagen. Deutschland verfügt nach wie vor über außergewöhnliche Wettbewerbsvorteile, die seine Rolle als führende europäische Wirtschaftsmacht (mit einem Anteil von fast einem Viertel am BIP der Union) und als wichtiger Akteur auf den globalen Märkten festigen. Seine Stärke beruht auf einer soliden Industrie- und Exportbasis: Branchen wie Chemie, Maschinenbau, Automobilindustrie und Elektrotechnik verfügen weiterhin über Fähigkeiten und Produktionskapazitäten von Weltklasse, die durch große internationale Konzerne und ein Netzwerk aus hochspezialisierten, innovativen und auf den globalen Märkten wettbewerbsfähigen mittelständischen Unternehmen gestützt werden. Es handelt sich um einen einzigartigen Reichtum an technologischem Know-how, Kapital und internationalen Beziehungen, der durch einige wirtschaftlich schwierige Jahre nicht einfach verschwindet.

Diese Produktionsstruktur wird ergänzt durch hochqualifiziertes Humankapital, ein duales System, das Ausbildung und betriebliche Praxis miteinander verbindet, sowie durch eine solide Tradition in Forschung und Innovation. Die deutschen Universitäten und Forschungszentren zählen zu den bedeutendsten weltweit. Erst vor wenigen Tagen erhielten zwei deutsche Wissenschaftler, Peter Hegemann und Georg Nagel, den Nobelpreis für Medizin für ihre bahnbrechenden Forschungen zur Optogenetik, mit der sich die Aktivität von Nervenzellen durch Licht steuern lässt. Dies bestätigt erneut die hervorragenden Leistungen der deutschen Forschung und die Fähigkeit ihrer Universitäten, mit ihren Entdeckungen neue Perspektiven für die Medizin und die Neurowissenschaften zu eröffnen. Ganz zu schweigen von der bewährten deutschen Ingenieurskompetenz, die enorme

Entwicklungsmöglichkeiten in den strategischen Bereichen grüner Wandel, Energietechnologien, Verteidigung und Digitalisierung bietet. Abgerundet wird das Bild durch die geografische Lage im Herzen Europas, ein Verkehrsnetz, das Zugang zu den wichtigsten Märkten des Kontinents bietet, Rechtssicherheit und eine Tradition der Haushaltsdisziplin.

Ein weiterer Indikator für die Wertschöpfungsfähigkeit deutscher Unternehmen ist schließlich die Entwicklung des Aktienmarktes. Trotz des Pessimismus im Zusammenhang mit der nationalen Wirtschaft verzeichnete der DAX 2025 eine bessere Performance als die wichtigsten internationalen Indizes, einschließlich des S&P 500. Zu dieser Dynamik haben sieben große Konzerne beigetragen, die deutschen „Magnificent Seven“: SAP, Siemens, Siemens Energy, Allianz, Deutsche Telekom, Rheinmetall und Munich Re. Ihre Leistung zeugt von der Fähigkeit deutscher Unternehmen, in Branchen mit hoher Wertschöpfung zu bestehen. Die Zugehörigkeit zum europäischen Binnenmarkt und zur Eurozone stärkt die Rolle Deutschlands als unersetzliche Säule Europas zusätzlich.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Krise in Deutschland ist real, doch ebenso real ist die Stärke des Landes, das sie durchlebt. Das Land verfügt über alle notwendigen Ressourcen, um diese Krise erfolgreich zu bewältigen. Eine schwierige Phase mit einem unumkehrbaren Niedergang gleichzusetzen, bedeutet, die Probleme der Gegenwart mit dem Schicksal einer Nation zu verwechseln!

Letztendlich ist der deutsche Wandel der Wandel des gesamten Westens. Der globale Wettbewerb hat sich verändert, die traditionelle Industrie steht unter Druck, die Gesellschaften altern, die Technologie verändert die Arbeitswelt (man denke nur an die künstliche Intelligenz), und die Demokratien haben Mühe, ein neues Gleichgewicht zu finden. Diese Herausforderungen betreffen Deutschland, aber auch Italien, Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und alle anderen westlichen Länder. Niemand kann davon ausgehen, diese Phase ohne Schwierigkeiten zu überstehen. Doch ist auch niemand zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Im Gegenteil.

Ich glaube, dass die richtige Reaktion auf die aktuellen Schwierigkeiten weder darin besteht, einer nicht wiederkehrenden Vergangenheit nachzutrauern, noch darin, ein künstliches Vorbild zum Nachahmen zu suchen. Sie besteht vielmehr darin, auf die – sicherlich zahlreichen – eigenen Stärken zu setzen. Sie besteht darin, innovativ zu sein und anzupacken. Sie besteht in der Stärkung des Multilateralismus. Sie besteht in der Förderung starker Partnerschaften zwischen den Ländern.

Italien und Deutschland blicken auf unterschiedliche Geschichten, Kulturen und Stärken, doch gerade deshalb können sie sich gegenseitig ergänzen. Die industriellen und technologischen Fähigkeiten Deutschlands, verbunden mit der Kreativität, der unternehmerischen Dynamik und den Kompetenzen Italiens, können zu einer außergewöhnlichen Ressource für beide Seiten werden. In einer Welt, in welcher der wirtschaftliche und technologische Wettbewerb immer intensiver wird, kann sich keines unserer Länder einen Alleingang leisten. Gemeinsam können wir dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit Europas wieder anzukurbeln, die industrielle und technologische Autonomie der Europäischen Union zu stärken und das Vertrauen in das europäische Projekt wiederherzustellen. Italien und Deutschland können erneut zu den beiden Motoren Europas werden, die nicht nur ihren eigenen Volkswirtschaften und Gesellschaften, sondern dem gesamten Kontinent neuen Schwung verleihen. Die Herausforderung ist groß, doch an Ressourcen mangelt es nicht. Italien und Deutschland sind gemeinsam bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen!“

Artikel von Dirk Schümer, Welt am Sonntag, 11.10.2026, S. 29-30